Blick in die Geschichte

Der Philharmonische Chor Bochum, 1859 als Musikverein gegründet, kann auf eine 150-jährige Geschichte zurückblicken.

Werfen Sie mit uns einen Blick in die ältere und jüngere Vergangenheit. Wie sah das Ruhrgebiet zur Zeit der Chorgründung aus? Wo sieht sich der Chor heute?

(Die Texte entstanden als Originalbeitrag für das Festprogramm der Bochumer Symphoniker anläßlich der Jubiläumskonzerte zum 150-jährigen Bestehen des Philharmonischen Chores Bochum am 12. und 13. November 2010.)

Teil 1: Die Gründerjahre im Industriezeitalter

Es passiert zum Jahresende 1859: „Am 21. Dezember 1859 fand im Mettegang’schen Saale die erste Versammlung statt zum Zwecke der Gründung eines Gesangvereins für gemischten Chor.“ Das Statut wurde am 28. Dezember verabschiedet und am 4. Januar 1860 hatte der Gesangslehrer und Chorleiter Heinrich Krüger den „Musikverein“ konstituiert, aus dem 1970 schließlich der „Philharmonische Chor Bochum“ hervorging.  In einem ersten Abonnementkonzert brachte das Ensemble Teile der unvollendeten Mendelssohn-Oper Loreley und eine Hadyn-Motette zur Aufführung.

150 Jahre Philharmonischer Chor Bochum. Sicher: eine große Zahl. Zunächst aber auch eine sehr abstrakte. 150 Jahre sind fast so schwer vorstellbar wie 150 Entenhausener Ducktaler. Sie werden jedoch ein wenig greifbarer, wenn man sich vor Augen führt, wie Europa und Bochum damals aussahen. Das Heilige Römische Reich Deutscher Nation war untergegangen, Napoleon ebenfalls und der Wiener Kongress hatte 1814 Europa eine neue Struktur gegeben.  Die Grafschaft Mark, und damit auch Bochum, war wieder in das Königreich Preußen eingegliedert und Teil der Provinz Westfalen geworden. Der musikalischen Welt stand die Uraufführung von Wagners revolutionärem Musikdrama Tristan und Islode (1865) noch bevor. Verdi hatte 1859 zur Uraufführung seiner Oper Un Ballo in maschera in Rom mit der Zensur zu kämpfen, während nebenan in Detmold Johannes Brahms von 1857 bis 1859 als Chordirektor arbeitete, seine Marienlieder komponierte und in Hannover sein erstes Klavierkonzert zur Uraufführung brachte.

Und Bochum? War ein beschauliches Städtchen, das erst zur Mitte des Jahrhunderts sein Gesicht entscheidend veränderte. Ab 1856 wurde es durch den Bau der Gasanstalt langsam heller auf den nächtlichen Straßen, und man erhöhte die anfängliche Zahl der drei (!) Gaslaternen von 1835 stetig. 1858 lebten in Bochum 9000 Einwohner, 8 Prozent davon besaßen das Wahlrecht. Die Ruhr galt zu dieser Zeit als der meist befahrene Fluss Europas. 1860 wurden hier 868.000 Tonnen Steinkohle befördert, eine Menge, die nie wieder erreicht werden sollte.  Denn je dichter das Eisenbahnnetz wurde, desto weniger wurde die Ruhr als Transportweg benutzt und 1862 – zwei Jahre nach der Gründung des Musikvereins – erhielt auch  Bochum einen Bahnhof und damit Anschluss an den Bahnverkehr.

Es ist die Schwerindustrie, die das Stadtbild Bochums verändert und prägt, allen voran der „Bochumer Verein“, der unter der Leitung von Jacob Mayer rapide an Bedeutung gewinnt – und 1867 auf der Weltausstellung in Paris, sehr zum Verdruss der Konkurrenten Krupp aus Essen, eine Goldmedaille für die riesige Stahlglocke erhielt, die noch heute vor dem Rathaus steht. Wie sehr die industrielle Revolution die Städte wachsen ließ, zeigt ein Blick in die Bevölkerungs-Entwicklung: Von Mitte des 19. Jahrhunderts bis etwa 1910 hatte sich die Zahl der Einwohner verzehnfacht.  Natürlich gab es in Bochum auch lange vor Gründung des Musikvereins mit Kapellen, Musikalienläden und Männergesangsvereinen Musik in der Stadt. Bezeichnend aber ist, dass gerade in dem Moment, wo Bochum sich vom Städtchen in eine Groß- und Industriestadt verwandelt, auch der Wunsch nach entsprechenden kulturellen Institutionen wach wird, und gerade die Musikvereine die Keimzelle für das weitere kulturelle Leben der Region bilden. „Grundsätzlich aber ist zu betonen“, schreibt Thomas Parent in dem Essayband Das Ruhrgebiet im Industriezeitalter, „dass damals im Ruhrgebiet durch das idealistische Engagement von Musikvereinen und Laienspieltruppen ein kulturelles Interesse in breiteren Bevölkerungsschichten erst geweckt (und damit die Existenzgrundlage  für einen professionellen Theater- und Konzertbetrieb erst geschaffen) wurde.“

Andreas Meyer

Teil 2: Entwicklung des Chores bis heute

Die Geschichte des Musikvereins verläuft über die Reichsgründung 1871, über die zwei Weltkriege, Nationalsozialismus und Wiederaufbau konstant wechselhaft und ist geprägt von Krisen, aber auch von stetigen mit landestypischer Hartnäckigkeit betriebenen Neuanfängen – zwei für das Ruhrgebiet und vor allem für Bochums Musikszene offensichtlich immergrüne Motive. Am 20. Mai 1919 spielt das „Städtische Orchester Bochum“ sein erstes Konzert. Nach der Saison 1919/1920 wird der Musikverein als „Städtischer Musikverein“ unter die künstlerische Leitung des Bochumer Generalmusikdirektors gestellt. 1935 feiert der Chor mit 120 Mitgliedern sein 75-jähriges Bestehen. Bereits in der ersten Nachkriegs-Saison 1945/1946 konnten erstaunlicherweise schon wieder sowohl das Deutsche Requiem von Johannes Brahms als auch Bachs Weihnachtsoratorium aufgeführt werden. Und während das Orchester ab 1967 unter „Bochumer Symphoniker“ firmiert, erhielt der Chor 1970 seinen jetzigen Namen: „Philharmonischer Chor Bochum“.

Soweit die markantesten Eckdaten. Was die musikalische Arbeit angeht, zeichneten sich Chor und Orchester seit ihrer Gründung und der gemeinsamen Konzert-Tätigkeit nicht nur durch die Pflege der „klassischen“ Größen Bach, Mozart, Beethoven und Brahms aus, sondern auch durch die Beschäftigung mit jeweils zeitgenössischen Strömungen.  So wurde Gustav Mahlers Sinfonie Nr. 2 nicht lange nach dem Tod des Komponisten 1919 in Bochum gespielt. Später fand diese Tradition mit Aufführungen von etwa Gottfried von Einems Stundenlied (1967), Krzyzstof Pendereckis Lukas-Passion (1978), Mauricio Kagels Erschöpfung der Welt unter dem Dirigat von Kagel selbst (1989), Györgi Ligetis Le Grand Macabre (1990) und Paul McCartneys Liverpool-Oratorio (2002) unter der Leitung von Steven Sloane ihre Fortsetzung. Aus dieser Perspektive passt es besonders gut, dass der Philharmonische Chor Bochum in seinem Jubiläumsjahr nicht nur Beethovens Sinfonie Nr. 9, Mahlers Sinfonien Nr. 2 und Nr. 8 sowie Mozarts Messe c-moll singt, sondern auch den Chorsatz Pater noster – unser Vater des Bochumer Komponisten Stefan Heucke zur Uraufführung bringt.

1860 und 2010: 150 Jahre nach der Gründung des Chores stehen Bochum und das Ruhrgebiet vor einem ähnlich wichtigen, strukturellen Wandel wie einst. Begann die Schwerindustrie damals, die Region zu erobern, ist sie jetzt weitgehend verschwunden, die Zechen bis auf einige wenige geschlossen. Heute sind es Universitäten, moderne Dienstleister, Logistikunternehmen, Kulturschaffende, die das Gesicht des Ruhrgebiets von neuem verändern. Die internationale Bauausstellung IBA Emscherpark versuchte von 1989 bis 1999 erstmals, aus den einzelnen Revierstädten und -kreisen die Metropole Ruhr entstehen zu lassen. Ihr Leiter Karl Ganser erinnert sich: „Diese Industrieflächen sind also frei geworden. (...) Wir beschlossen dann, daraus einen 50 Kilometer langen Park zu bauen. Dieser Park ist allerdings kein zusammenhängender Park, sondern er besteht aus vielen Inseln, die miteinander irgendwie verbunden sind. So haben wir für das Ruhrgebiet eigentlich eine Jahrhundertaufgabe definiert. Wir haben nun  die ersten zehn Jahre diese Aufgabe verflogt, aber das Ruhrgebiet muss an dieser Aufgabe noch weitere 30, 40 Jahre arbeiten, sonst würde das nämlich nicht fertig werden.“ Festivals wie die Ruhrtriennale sowie das Kulturhauptstadtjahr der Ruhr.2010 GmbH verfolgen diese Idee weiter.

Der Philharmonische Chor Bochum, der zur Zeit mit 120 Sängerinnen und Sänger jeder Alterstufe auf gesunden Füßen steht, ist bei dieser Entwicklung nicht nur Zeuge, sondern nimmt von Anfang an unmittelbar daran teil. Dabei spannt sich der Bogen von ungewöhnlichen Musikprojekten der IBA-Zeit bis zu den großen Konzerten im Kulturhauptstadtjahr. Die Konzertzyklen Aufbrechen Amerika (1993) und Prometheus (1994) des damaligen Bochumer Generalmusikdirektors Eberhard Kloke führten den Philharmonischen Chor unter der Leitung von Reinhart Weiß schon in die Bochumer Jahrhunderthalle und in den Landschaftspark Duisburg-Nord, lange bevor diese Industriehallen festspieltauglich hergerichtet waren. Im Rahmen des Kulturhauptstadtjahres schließlich wirkte der Chor nicht nur mit seinem Partnerchor aus Sheffield beim !Sing – Day of Song mit, bei dem im Juni 2010 65.000 Menschen die Schalke-Arena in Gelsenkirchen mit Gesang füllten. Sondern auch am Festkonzert anlässlich des 100. Jahrestages der Uraufführung von Mahlers Sinfonie Nr. 8, das der Chor zusammen mit Sängergemeinschaften sowie Orchestermusikern aus ganz NRW gestaltete – letzteres übrigens keine neue Idee. Denn bereits 1909 wurden Beethovens neunte Sinfonie und die Missa solemnis beim westfälischen Musikfest in Dortmund von 664 Choristen aus der Region bestritten. Und auch die Orchester aus Bochum, Dortmund und Essen bewiesen 1923 auf einer Deutschland-Tournee zusammen unter dem Namen Ruhr-Orchester, welches musikalische Potenzial das Ruhrgebiet aufzuweisen hat.

Gemeinsam Qualitäten bündeln, ohne die regionale Vielfalt zu verraten oder zu zerstören: Das Ruhrgebiet wurde auch deshalb zur Kulturhauptstadt, weil es europäischen Modellcharakter hat – und im Kleinen zeigt, wie es im großen Europa funktionieren sollte, müsste, könnte. In diesem Sinne sieht sich der Philharmonische Chor Bochum heute, im Jahr seines 150-jährigen Bestehens, natürlich einerseits als Chor der Stadt Bochum für die Bürger der Stadt Bochum. Anderseits versteht er sich jedoch auch als eines der traditionsreichen Laienensembles des Ruhrgebiets, das wie die Konzertchöre aus Essen, Gelsenkirchen, Dortmund oder Duisburg sowohl für die musikalische Kraft  dieser Region steht, als sich auch mit ihr verwurzelt fühlt.

Andreas Meyer