Werkinfo: Bleib' bei uns – Ein A-cappella-Konzert

„Der Gesang ist ein Element des alltäglichen Lebens, eine Naturkraft. Leider merken es die Menschen nicht mehr.“ (Giora Feidmann)

In seinem zweiten großen Konzert der Saison 2011/2012, begibt sich der Philharmonische Chor Bochum unter der Leitung von Harry Curtis auf die Suche nach der Naturkraft „Gesang“. Ohne Orchester, in einem reinen A-cappella-Konzert reist der Chor dafür durch die Zeit und verwebt Musik vom Mittelalter bis zum 20. Jahrhundert zu einer meditativen Klangerfahrung.

Im Zentrum des Konzerts stehen die g-Moll-Messe des englischen Komponisten Ralph Vaughan Williams von 1922 und die drei Motetten Ave MariaLocus iste und Christus factus est von Anton Bruckner. Während Vaughan Williams, der übrigens selber Atheist war, für seine Messe die ausladende Klangsprache der vorletzten Jahrhundertwende hinter sich lässt und deutlich auf die minimalistischen Vorbilder früher, abendländischer Mehrstimmigkeit zurückgreift, schwingen in den Motetten Bruckners die kantable Sehnsucht sowie die weiten Melodiebögen der Spätromantik unüberhörbar mit. Doch eines haben sie gemeinsam: Die innige, konzentrierte Beschwörung eines geistlichen Kerns, der den Menschen Energiequelle und Inspiration zugleich ist.

Um diese Werke gruppieren sich strahlenförmig weitere A-cappella-Kompositionen, die durch ihren klanglichen wie spirituellen Charakter mit Vaughan Williams Messe und Bruckners Motetten verbunden sind. Dabei führt der Weg über Josef Rheinberges Abendlied (1855) sowie Madrigale von William Byrd (1540-1623) und Heinrich Isaac (1450-1517) bis ins Mittelalter zum gregorianischen Kyrie aus dem Liber usualis.

„Mit Gesang steigen die Völker aus dem Himmel ihrer Kindheit ins tätige Leben, ins Land der Kultur. Mit Gesang kehren sie von da zurück ins ursprüngliche Leben“, beschreibt der Dichter Friedrich Hölderlin den Kreislauf der Zeiten und den des menschlichen Lebens. Auch das Programm des A-cappella-Konzertes Bleib' bei uns nimmt einen zyklischen Verlauf, holt den Klang zunächst aus dem Nichts zu uns, um ihn nach Robert Pearsalls Trauergesang Lay a Garland wieder in die Atmosphäre aufsteigen zu lassen. 

Als Aufführungsort wählt der Philharmonische Chor Bochum ganz bewusst die Propsteikirche St. Peter und Paul. Als älteste Kirche Bochums, die von Beginn an mitten in Bochums „tätigem Leben“ steht, ziehen sich ihre geschichtlichen Wurzeln wie die der dargebotenen Musik von unserer Gegenwart bis tief ins Mittelalter. Zu später Abendstunde werden die Sängerinnen und Sänger den Kirchenraum vom Mittelschiff bis zum Altarraum erkunden und „ersingen“.

Der Philharmonische Chor Bochum und sein künstlerischer Leiter Harry Curtis laden das Publikum ein, mit ihnen auf diese Entdeckungsreise zu gehen. Eine Reise, bei der sich die Zeitgrenzen zwischen gestern und heute aufheben und bei der es darum geht, sich fallen zu lassen, einfach der Musik zu folgen und eben diese besondere Naturkraft zu spüren, die dem Gesang seit jeher innewohnt. Und über die der Maler Paul Gauguin befand: „Leben heißt singen und lieben.“

Andreas Meyer