Werkinfo: Ludwig van Beethoven, Meeres Stille und Glückliche Fahrt

1814/1815. In Österreich tagt der Wiener Kongress. Unter der Leitung des österreichischen Außenministers Fürst von Metternich ordnen Diplomaten und Vertreter aus 200 Staaten Europa neu. Als offizieller Komponist des Kongresses hat Ludwig van Beethoven (1770-1827) alle Hände voll zu tun. Zur Begrüßung der Kongressteilnehmer komponiert der die Festkantate Der glorreiche Augenblick, Kaiser Franz erhält zum Namenstag die Namensfeier-Ouvertüre und in dem legendären Akademiekonzert vom 29.11.1814 dirigiert Beethoven in Anwesenheit der russischen Zarin neben besagter Festkantate auch die siebte Sinfonie sowie das lärmende Orchesterwerk Wellingtons Sieg oder die Schlacht bei Vittoria. Beethoven ist auf dem Gipfel seines Ruhms angekommen und der Historiker Klaus Günzel urteilt: „Hätte der Wiener Kongreß nichts sonst zustande gebracht als dieses Konzert – er würde darum doch denkwürdig bleiben.“

Zum Komponieren jenseits des offiziellen Rahmens bleibt Beethoven während des Kongresses nur wenig Zeit. Es entstehen eine Klaviersonate, zwei Sonaten für Klavier und Violoncello, der Elegische Gesang für vier Singstimmen und Streichquartett sowie die kurze Kantate Meeres Stille und Glückliche Fahrt für Chor und Orchester, für die er zwei namensgleiche Gedichte von Johann Wolfgang von Goethe vertont.

Anders als etwa Richard Wagner oder Felix Mendelssohn-Bartholdy, die sich für ihre Meeresmusik im Fliegenden Holländer bzw. der Hebriden-Ouvertüre von eigenen Seefahrten inspirieren ließen, befuhr Beethoven das Meer nie. Lediglich die Donau überquerte er laut Überlieferung per Schiff, um so schneller von Nussdorf nach Jedlesee zur musikliebenden Gräfin Erdödy zu gelangen. Umso erstaunlicher ist es, wie treffend er gerade im ersten Teil seiner Kantate die bedrückende Stimmung einer Flaute auf dem Meer in Töne zu fassen weiß. Beethovens Zeit ist die Zeit der Segelschiffe und folglich heißt Windstille: Immobilität, Reiseverzögerung, knapp werdende Lebensmittel. Die Stille, die Weite des Meeres wirken in diesem Moment weder pittoresk noch romantisch, sondern lebensbedrohlich. Goethe dichtet:

„Tiefe Stille herrscht im Wasser,
ohne Regung ruht das Meer,
und bekümmert sieht der Schiffer
glatte Fläche ringsumher.
Keine Luft von keiner Seite!
Todesstille fürchterlich!
In der ungeheuren Weite
reget keine Welle sich.“

Beethoven findet für diese Zeilen eine ausgesprochen raffinierte musikalische Umsetzung. Der Chor deklamiert den Text fast. Laut- und regungslos wie das Meer bewegt er sich leise und nur in kleinen Tonschritten, die ersehnten Wellen werden lediglich mit wenigen Triolen-Bewegungen beschrieben. Kraftvolle Ausbrüche erlaubt Beethoven nur an zwei, bezeichnenden Stellen: Auf die im Pianissimo von den Bässen beschworene „Todesstille“ folgt auf dem Wort „fürchterlich“ ein Sforzato-Ausruf des ganzen Chores. Die „Weite“ setzt Beethoven sogar mehrdimensional um. Er gibt diesem einzelnen Wort nicht nur den weiten Raum von drei Takten. Auch der Tonumfang der Singstimmen spannt sich vom tiefen G der Bässe bis zum hohen a2 der Soprane an keiner Stelle der Komposition weiter, im Orchester klettern die Kontrabässe sogar noch eine Oktave tiefer bzw. die Querflöten noch eine Oktave höher.
Auf die beklemmende Stille folgt die kurze wie stürmische „Glückliche Fahrt“. Den auffrischenden, stärker werdenden Wind symbolisiert ein Achtellauf aufwärts, der zunächst nur von Streichern, dann auch von Flöten im Crescendo beschrieben wird und in einem Forte-Einsatz des Chores und des ganzen Orchesters gipfelt. In einer Mischung aus Stretta und Fugato sowie einem auffälligen Wechselspiel von Forte und Piano führt Beethoven die Kantate zu einem markanten und abrupten Finale.

Die Uraufführung findet weit nach Ende des Wiener Kongresses statt. Im Rahmen eines Benefizkonzertes erklingt Meeres Stille und Glückliche Fahrt am ersten Weihnachtsfeiertag 1815 zusammen mit Beethovens Oratorium Christus am Ölberge. Erst 1822 erscheint von Meeres Stille und Glückliche Fahrt eine gedruckte Partitur. Beethoven widmet sie Goethe. Der Komponist, der sonst wenig zimperlich mit seinen Zeitgenossen umging, schreibt in ungewohnt höflichem, fast devotem Ton an den Dichter: „Wie lieb würde es mir sein zu wissen, ob ich passend meine Harmonie mit der Ihrigen verbunden...“ Doch Beethoven wartet vergeblich auf Antwort. Goethe schreibt nicht zurück. Der verehrte Herr Geheimrat hat’s mit dem Herzen und notiert am 21.5.1822 nur kurz in sein Tagebuch: „Von Beethoven Partitur empfangen.“

Andreas Meyer