Werkinfo: Ludwig van Beethoven, Messe C-Dur

Verglichen mit etwa Wolfgang Amadeus Mozart oder Joseph Haydn schrieb Ludwig van Beethoven (1770-1827) nur wenig geistliche Musik: das Oratorium Christus am Ölberge (1803), die Messe C-Dur (1807) und die alles überstrahlende, große Missa solemnis (1823).

Die Messe C-Dur war ein Auftragswerk. Fürst Nikolaus II. Esterházy, in dessen Diensten Joseph Haydn ab 1795 wieder stand, bestellte sie bei Beethoven für den Namenstag seiner Frau im September 1807. Der Komponist war sich der Schwierigkeit der Aufgabe durchaus bewusst. Am 26.7.1807 schreibt Beethoven dem Fürsten, dass er „mit viel Furcht die Messe übergeben werde, da sie ... gewohnt sind, die Unnachamlichen Meisterstücke des Großen Haidns sich vortragen zu lassen.“ Seine Sorgen waren nicht unberechtigt. Am 13.9.1807 fand in Eisenstadt die Uraufführung statt und der Auftraggeber war keineswegs zufrieden. „Aber, lieber Beethoven, was haben Sie denn da wieder gemacht?“, bemerkte der Fürst. Das war noch harmlos ausgedrückt. In einem Brief an die Gräfin Henriette Zielinska wurde er deutlicher: „Beethovens Messe ist unerträglich lächerlich und hässlich, ich bin nicht davon überzeugt, dass man sie ernst nehmen kann.“

Beethovens sechssätzige Messe verstörte die Zeitgenossen. Neu war etwa der fast instrumentale Einsatz der Singstimmen. Beethoven bricht das tradierte Schema von geschlossenen Solopassagen und Chören auf und bettet stattdessen Chor und Solisten-Quartett in einer Art wechselseitigem Dialog die ganze Messe über in den Fluss der Musik. Dazu kommt, dass das Stück in unmittelbarer Nachbarschaft zu seiner Oper Fidelio und den berühmten Sinfonien Nr. 5 („Schicksalssinfonie“) und Nr. 6 („Pastorale“) entstand, deren atmosphärische Spuren auch in dieser Messe zu finden sind. Zwischen dem verhaltenen ersten Takten und dem friedlich ausklingenden Schluss entfaltet Beethoven seinen ungezügelten Gefühlskosmos und verknüpft die geistlichen Texte unüberhörbar mit seiner subjektiven, leidenschaftlichen Weltsicht. So erzählt die Messe C-Dur in nur knapp einer Stunde auch vom grenzensprengenden Freiheitskampf des Individuums, von rastloser Suche und von der tief empfundenen Sehnsucht nach einer besseren, menschlicheren Welt.

Heute präsentiert sich uns die Messe C-Dur nicht nur als ein im Ton durch und durch Beethovensches Werk. Sie bietet überdies einen aufschlussreichen Blick in die Werkstatt des Komponisten und erweist sich so als eine Art „Pilotprojekt“, dessen Ergebnisse in der Symphonie Nr. 9 und der Missa solemnis weiter entwickelt und zur Vollendung gebracht werden.

Andreas Meyer