Werkinfo: Ludwig van Beethoven, Symphonie Nr. 9 d-Moll

In Wien kursiert um 1820 ein Gerücht. Ludwig van Beethoven (1770-1827), heißt es, sei „auskomponiert“. Seine letzten Konzerte liegen weit zurück, seit 1812 hat er keine Symphonie mehr geschrieben. Inzwischen ist er völlig taub, an Spielen und Dirigieren nicht mehr zu denken. Immer einsamer und unzugänglicher werde er. Beethovens große Zeit, so raunt man abfällig, sei vorbei. Doch am Ende ist Beethoven noch lange nicht: „Wartet nur, ihr sollt bald eines andern belehrt werden“, grollt er und bereitet seine abschließenden, musikalischen Großtaten vor: die Missa Solemnis (1823), die Symphonie Nr. 9 (1824) und die letzten, rätselhaften Streichquartette (1822-1826).

Eigentlich ist Beethoven so voller Missmut gegen Wien, dass der die Uraufführung der Symphonie Nr. 9 in Berlin stattfinden lassen möchte. Doch ein Bittbrief, den dreißig Musiker, Verleger und Musikliebhaber unterzeichnen, stimmt ihn um. So findet am 7. Mai 1824 im Wiener Kärntnertortheater das historische Ereignis statt: die Neunte wird uraufgeführt. Beethoven steht neben dem Kapellmeister und schlägt den Takt. Orchester, Chor und Solisten jedoch haben strikte Anweisung erhalten, nicht auf den ertaubten Meister zu achten, sondern ausschließlich dem Dirigenten zu folgen. Schon in den Satzpausen bricht Jubel los. Doch Beethoven ist inzwischen so taub, dass er nicht einmal den donnernden Applaus  hinter sich hört. Erst als ihn die Altistin Caroline Unger sanft in Richtung Publikum dreht, nimmt er die klatschende, winkende Menge wahr. „Nur die Originalität zeugt für den Vater, sonst ist alles neu, und nie da gewesen“, schreibt ein Kritiker begeistert in der Allgemeinen Musikalischen Zeitung. Unmittelbar nach dem Konzert serviert man Beethoven die Abrechung und noch in der Garderobe fällt der Komponist in Ohnmacht: Ihm, der sich von der Uraufführung auch eine finanzielle Sanierung erhoffte, bleiben nur wenige hundert Gulden. Einmal mehr fühlt sich Beethoven betrogen.

Es sind sonderbare Umstände, die die Geburtsstunde der berühmtesten Symphonie der Musikgeschichte begleiten. Erste Skizzen finden sich bereits 1817, den Plan, Schillers 0de an die Freude zu vertonten, hegt Beethoven nachweislich sogar schon seit 1793. Doch erst gegen Ende des Jahres 1823 entscheidet er sich, mit der Schiller-Vertonung seine Symphonie Nr. 9 abzuschließen und damit erstmals die menschliche Stimme in diese Musikgattung zu integrieren - ein Kunstgriff, der über Franz Liszt bis zu Gustav Mahler die Komponisten bis ins 20. Jahrhundert beeinflusste. Das viersätzige Werk lässt sich als Suche des Menschen nach Freiheit, Liebe und Glück lesen. Nach einem dramatischen ersten Satz, der wie Mozarts Requiem oder der Komtur-Auftritt in Don Giovanni in düsterem, jenseitigen d-Moll steht, und einem dämonischen Scherzo, entwirft der dritte, langsame Satz das Bild einer friedlichen, in sich zurückgezogenen Welt. Zu Beginn des vierten Satzes fasst Beethoven die Themen der ersten Abschnitte noch einmal zusammen, bevor er zunächst das Orchester, dann die Solisten und schließlich den Chor mit dem berühmten „Freude, schöner Götterfunke“ zu einem festlichen, strahlenden D-Dur-Finale führt.

Um seine humanistische Vision einer allgemeinen Versöhnung der Menschen mit dem gebotenen, mitreißenden Ernst zu untermauern, geht Beethoven einigermaßen frei mit Schillers Gedicht um. Er stellt den Text nach eigenem Belieben um und lässt etwa Verse, die allzu sehr nach Trinklied klingen („Brüder, fliegt von euren Sitzen, wenn der volle Römer kreist“), einfach weg. Was übrig bleibt, ist Beethovens persönliches, heroisches Glaubensbekenntnis zu einer idealen Welt und menschlicheren Gesellschaft. Eine Botschaft, die der Komponist selbst nie wirklich gehört hat. 1985 erkannte die Europäische Gemeinschaft dieses Bekenntnis als ihre offizielle Hymne an, das Autograph wurde 2001 in die UNESCO-Liste als „Weltdokumentenerbe“ aufgenommen.

In Wien kursiert um 1980 ein Gerücht. Ludwig van Beethoven, heißt es, sei der Maßstab für die Länge einer CD. Denn die Konzerne Sony und Philips können sich nicht auf die Spieldauer des neu entwickelten Tonträgers einigen. Bis jemand 74 Minuten vorschlägt, genau die Zeit, die der Dirigent Wilhelm Furtwängler 1951 für seine Aufnahme der Neunten brauchte. Der Vorschlag wird angenommen. Der große Beethoven, so raunt man ehrfürchtig, habe 150 Jahre nach seinem Tod sogar noch die Technik der Moderne beeinflusst.

Andreas Meyer