Werkinfo: Hector Berlioz, Grande Messe des Morts (Requiem)

Es war ausgerechnet diese Totenmesse, die Grande Messe des Morts, die Hector Berlioz besonders ans Herz gewachsen war: „Wenn ich dazu verurteilt würde, alle meine Schöpfungen mit Ausnahme einer einzigen Partitur verbrennen zu müssen, so wäre es das Requiem, für das ich um Gnade bitten würde“, sagte er. Die französische Regierung hatte das Werk bei ihm in Auftrag gegeben. Eigentlich sollte es 1837 zum Jahrestag der Julirevolution von 1830 erklingen. Doch schließlich fand die Uraufführung am 5. Dezember 1837 anlässlich der Beisetzung des gefallenen Generals Charles-Marie Denys de Damrémont im Invalidendom von Paris statt.

Die Tatsache, dass es sich bei der Grande Messe des Morts weniger um eine Totenklage als um eine Totenehrung handelt, erklärt den beinahe monströsen Orchester- und Stimmapparat. Berlioz verlangt unter anderem: 108 Streicher, 32 Blech- und Holzbläser, 16 Pauken (mit zehn Spielern), 2 große Trommeln, 10 Paar Becken sowie vier zusätzliche Blechblasorchester, die als Fernorchester in den vier Himmelsrichtungen aufgestellt zum jüngsten Gericht rufen sollen. Dazu kommt ein Chor aus 210 Stimmen. Mindestens! „Diese Angaben sind relativ“, schrieb der Komponist. „Man kann, wenn der Raum es erlaubt, die Chorbesetzung verdoppeln oder verdreifachen und dann die Zahl der Instrumente in der gleichen Proportion etwas vergrößern.“

Angesichts dieses Riesenaufgebots ist es umso erstaunlicher wie intim, fahl und geheimnisvoll das etwa zweistündige Werk bisweilen klingen kann. Natürlich brechen bei der Schilderung des jüngsten Gerichts klangliche Monsterwellen über dem Zuhörer zusammen. Auch das Lacrymosa baut sich schrittweise zu einem mächtigen Tonraum auf, bei dem der Chor einen weiten, glanzvollen Melodiebogen über die markant emporschießenden Orchester-Rhythmen spannt. Aber wie ernst und rätselhaft klingt dagegen das Offertium: Über einer Streicherfuge erhebt sich der psalmodierende, einstimmige Gesang des Chores, der nur aus zwei Tönen besteht und genau aus dieser Reduzierung seine eindringliche Kraft erfährt und diese fast hypnotisch steigert. Wie zerbrechlich klingt das Te decet hymnus, wie feierlich das Agnus dei und wie sonderbar fragend das abschließende, verschwindend leise Amen

Hector Berlioz’ Grande Messe des Morts bietet sicherlich nichts zum Mitsummen. Die feinervige und kontrastreiche Musik ermöglicht vielmehr eine eindringliche, überraschend elementare Klangerfahrung. Das Requiem von Hector Berlioz ist das ebenso erregende wie irritierende Werk eines musikalischen Utopisten, dessen revolutionäre Energie unmittelbar spürbar ist.

Die Wirkung, die diese Komposition bei den Beteiligten der Uraufführung hervorrief, war außergewöhnlich wie die Musik selbst. Der Priester, der die Messe im Invalidendom zelebrierte, brach am Altar in Tränen aus. Eine der Chorsängerinnen erlitt einen Nervenzusammenbruch als die fünf Orchester und acht Paukenpaare im Tuba mirum zum jüngsten Gericht riefen. Der Komponist war zufrieden: „Alles war tatsächlich von furchtbarer, erhabener Größe.“

Andreas Meyer