Werkinfo: Johannes Brahms, Ein deutsches Requiem

„Tief innen im Menschen spricht und treibt oft etwas, uns fast unbewusst, und das mag wohl bisweilen als Gedicht oder Musik ertönen“, sagte Johannes Brahms (1833-1897) und ließ auch noch durchblicken, wann „es“ besonders in und zu ihm sprach: „Die schönsten Lieder kamen mir, wenn ich früh vor Tag meine Stiefel wichste.“

Johannes Brahms, Sohn eines Musikers eher rustikalen Schlags („Herr Kapellmeister, dat is min Kunterbaß, da kann ick so laut up spielen as ick mag.“) zog von Hamburg über Düsseldorf und Detmold nach Wien, um einer der berühmtesten Komponisten seiner Zeit zu werden. Robert Schumann traute seinen Ohren nicht, als sich ihm der 20jährige Brahms vorstellte und erste Klavierkompositionen vorlegte. „Wenn er seinen Zauberstab dahin senken wird, wo ihm die Mächte der Massen, im Chor und Orchester, ihre Kräfte leihen, so stehen uns noch wunderbare Blicke in die Geisterwelt bevor“, schrieb Schumann 1853 in der „Neuen Zeitschrift für Musik“ und machte damit Brahms mit einem Schlag bekannt. Er sollte recht behalten.

Sonderbar fest und monolitisch steht die Musik von Brahms in einer Epoche, deren musikalische Sprache immer ausufernder und exaltierter wurde. Der emotionale Exzess war seine Sache nicht. Im Herzen Romantiker doch in der Form der Klassik verbunden, goß er seine ehrlich empfundenen Gefühle in traditionellen Formen wie Sinfonie, Sonate oder Konzert, führte diese zwar auch an ihre Grenzen, sprengte sie aber nicht.

1868, Brahms ist gerade 35 Jahre alt, erscheint mit Ein deutsches Requiem nach Worten der heiligen Schrift für Soli, Chor und Orchester eines seiner persönlichsten Werke und zugleich eines der berühmtesten seiner Art. Brahms löst die überlieferte Form des Requiems, der katholischen Totenmesse, aus ihrem liturgischen Rahmen. Statt der vorgegebenen, lateinischen Texte vertont er selbst gewählte Textpassagen aus der Luther-Bibel. Das Werk richtet die Aufmerksamkeit im Gegensatz zum üblichen Requiem nicht auf die Toten und ihre Auferstehung, sondern spendet den Trauernden Energie und Zuversicht. „Ich habe meine Trauermusik vollendet als eine Seligpreisung der Leidtragenden“, erklärte der Komponist einem Freund.

Seine Musik prägt ein elegischer, doch kraftvoller Ernst, eine tiefe, doch gebändigte Trauer, die sich in einem schier unendlichen, wundervollen Melodienreichtum ausdrückt. „Ruhig in der Freude und ruhig im Schmerz und Kummer ist der schöne, wahrhafte Mensch. Leidenschaften müssen bald vergehen, oder man muß sie vertreiben“, schreibt Brahms 1857 an Clara Schumann als beide noch den Tod Robert Schumanns zu verwinden haben. Es klingt wie ein Schlüssel zu seinem Deutschen Requiem, das einen gerade durch seine unverstellte, verwundbare Aufrichtigkeit noch heute unmittelbar ergreift und bewegt.

Andreas Meyer