Werkinfo: Anton Bruckner, Symphonischer Psalm (Helgoland)

Im Grunde ist es der uralte Hausfrauen-Trick: Ist der Kuchen zu braun geraten? Dann flugs ordentlich Puderzucker drüber – und schon kommt das Backwerk optisch unverdächtig daher und kann den Gästen doch noch aufgetischt werden. Dieses Kniffs bediente sich 1954 jedenfalls auch der Musikwissenschaftler und Bruckner-Experte Fritz Oeser als er in Wiesbaden Anton Bruckners Symphonischen Psalm veröffentlichte. Aber der Reihe nach:

Anton Bruckner (1824-1896) schreibt 1893 zum 50jährigen Jubiläum des Wiener Männergesang-Vereins eine Kantate mit dem Titel Helgoland. In Bruckners Schaffen stellt dieses Chorwerk eigentlich ein tragikomisches Kuriosum da: Der Schöpfer vom Te Deum, von drei großen Messen, neun beeindruckenden Sinfonien, diversen Psalmen und Motetten hinterlässt als letzte, abgeschlossene Komposition ausgerechnet eine weltliche, noch dazu deutschtümelnde Kantate über von Gott vernichtete Feinde – und ein jubelndes, befreites Inselvolk. 

Als Text verwendet Bruckner ein Gedicht des österreichischen Schriftstellers August Silberstein, der überdeutlich den pangermanischen Phantasien seiner Zeit nachhing. Das Gedicht beschreibt die fiktive, drohende Invasion des „sächischen” Helgolands durch herannahende „Römer”, die nur durch das Anrufen und das sofortige Eingreifen Gottes abgewehrt werden kann. Zusammen mit Bruckners Musik wird daraus eine Art tönendes Hermannsdenkmal, das – dem ideologischen und geographischen Sujet entsprechend – eine ausgesprochen steife Brise umweht.

Bruckner gönnt seinen Musikern in dem rund 15minütigen Werk kaum Ruhepausen. Er entfesselt symphonisch gewaltige, harmonisch kühne Monsterwellen, die prompt über Akteuren wie Zuhörern zusammenschlagen. Die Atmosphäre ist vom ersten Takt an aufgeladen und selbst im Piano bis ans Äußerste gespannt. Die Feinde ertrinken, die Gefahr ist gebannt, die Musik steigert sich kontinuierlich und mündet schließlich in ein dröhnend pompöses Finale, dem im Original der Text „O Herrgott, dich preiset frei Helgoland!“ unterlegt ist. 

Der ursprüngliche Text ist freilich kein Zufall, sondern der metaphorische Kommentar zu einem historischen Ereignis: Drei Jahre zuvor hatte das Vereinigte Königreich Großbritannien die Insel Helgoland an das deutsche Kaiserreich zurückgegeben.

Mit seinem letzten vollendeten Werk war Bruckner kein dauerhafter Erfolg beschieden. Posthum setzt er sich damit zwischen alle nur erdenklichen Stühle. Die Nationalsozialisten, die das Werk und auch andere Bruckner-Silberstein-Kooperationen wie etwa den Germanenzug liebend gern für ihre Propaganda-Zwecke eingesetzt hätten, mussten ihren Plan aufgeben – denn der Dichter August Silberstein war Jude. Die Nachkriegsgenerationen wiederum stießen sich an der unverblümten, romantisch-pathetischen „Teutonenseligkeit“, wie der Musikwissenschaftler Alexander L. Ringer es nannte. Die Schrifstellerin Thea Dorn resümiert 2011 in dem Essay-Band Die deutsche Seele prägnant: „Der letzte Großmeister, der ein Männerchorwerk im deutsch-nationalen Geist komponiert, ist Anton Bruckner. Zum 50. Jubliläum des (bürgerlichen) Wiener Männergesang-Vereins wird 1893 sein symphonischer Chor Helgoland uraufgeführt. Diese von Österreichern dargebrachte deutsche Triumph-Kantate ist das Ende einer Tradition. Nach ihr bringt künstlerisch ernst zu nehmende Kampfgesänge nur noch die Linke hervor.“

Vor diesem Hintergrund wundert es also kaum, dass Helgoland heute weder oft aufgeführt, noch gern auf CD eingespielt wird. Fritz Oeser machte dafür aber nicht nur den problematischen Text verantwortlich, sondern auch die Tatsache, dass sich inzwischen kaum noch Männerchöre finden, die den musikalischen Anforderungen dieses Werkes gewachsen sind. Um die Popularität und Verbreitung der Komposition doch noch zu fördern, bearbeitet er es schließlich in den 1950er Jahren nicht nur für gemischten Chor mit den Stimmgruppen Sopran, Alt, Tenor und Bass. Er schreibt für das Werk auch gleich noch einen neuen, geistlichen Text und übertitelt es nun Symphonischer Psalm.

Statt um die Rettung Helgolands vor den Römern geht es nun um die Rettung der Seelen vor dem „glühenden Fanal” des jüngsten Gerichts. Gepriesen wird Gott freilich auch bei Oeser minutenlang zu Pauken und Trompeten. Nur heißt es am Schluss diesmal: „Dir, Schöpfer, Dir Herr und Erhalter sei ewig ein Lobgesang”. Dass kurz vorher im Fortissimo allerdings keine Schiffe berstend sinken, nicht der Untergang von Menschen enthusiastisch gefeiert wird, wie es das Original eigentlich vorsieht, sondern Oeser himmlische Cherubime, Sepraphime, ja sogar die „Sphärenklänge” des Alls zu vernehmen meint, ist nur eine weitere, bizarre Facette dieses so sonderbaren Musikstücks.

Der Philharmonische Chor Bochum servierte die Kantate im Rahmen des Bruckner-Schwerpunktes der Saison 2011/2012 und komplettierte damit das Portrait, das die Bochumer Symphoniker in unterschiedlichen Konzerten von dem Komponisten zeichneten, um eine kuriose Nuance. Auf die Bühne kam dabei die nicht die ursprüngliche Fassung, sondern die textliche und musikalische Bearbeitung von Fritz Oeser.

Andreas Meyer