Werkinfo: Claude Debussy, Pelléas et Mélisande

"Die Musiker sind dazu ausersehen, den ganzen Zauber einer Nacht oder eines Tages, der Erde oder des Himmels einzufangen, sie allein können deren Atmosphäre oder ewigen Pulsschlag erwecken", sagte Claude Debussy (1862-1918). Der französische Komponist gilt als Hauptvertreter des musikalischen Impressionismus. So wie in der impressionistischen bildenden Kunst aus einzelnen Farbpunkten ein Bild entsteht, fügen sich in der Musik unzählige Melodiesegmente zu einer schillernden Tonfläche zusammen.

Die Oper Pelléas et Mélisande steht mit ihrer außergewöhnlich intensiven Schilderung menschlicher Seelenzustände einzigartig da. Das Werk basiert auf einem Drama des flämischen Dichters Maurice Maeterlinck. Die geheimnisvolle Mélisande gerät darin auf dem sagenhaften Schloß Allemonde zwischen die Brüder Pelléas und Golaud. Unlösbar an ihr Schicksal gekettet, geht Mélisande an ihrer verbotenen Liebe zugrunde und entgleitet in einem der leisesten Tode der Operngeschichte sanft der Welt. Der Chor? Nicht mehr als ein atmosphärischer Farbtupfer in Debussys fast meditativem Klangkosmos.

Bei der Uraufführung 1902 in Paris fiel die Oper durch. Als die Sopranistin Mary Garden als Mélisande auf der Bühne den Satz "Ich bin hier nicht glücklich" sang, echote das Publikum hämisch: "Wir auch nicht!" Doch Debussy gab sich nicht geschlagen. Er prophezeite: "Ich schreibe Dinge, die erst die Enkel im zwanzigsten Jahrhundert verstehen werden."

Andreas Meyer