Werkinfo: Georg Friedrich Händel, Messiah

Georg Friedrich Händel (1685-1759) und der Messiah. Diese zwei gehören inzwischen so selbstverständlich zusammen wie Schwarzwälder und Kirschtorte. Umso mehr erstaunt es, dass der Komponist seinem Werk den Erfolg zu Lebzeiten nur mit hartnäckiger Ausdauer sichern konnte.

Die Uraufführung des Oratoriums fand am  13. April 1742 in Dublin im Rahmen eines Wohltätigkeitskonzerts für Strafgefangene und Armenhäusler statt. Jonathan Swift, Autor von Gullivers Reisen und Dekan der  St. Patrick’s Cathedral, war darüber ausdrücklich „not amused“ und verbat seinen Musikern, bei der Aufführung mitzuwirken. „Es war mir berichtet worden, dass ich gewissen Vikaren Erlaubnis gegeben hätte, einer Bande von Fiedlern in Fishamble Street Beistand zu leisten. Ich erkläre hiermit, dass ich mich nicht erinnere, eine solche Erlaubnis je unterzeichnet und mit meinem Siegel versehen zu haben“, schreibt er giftig. Das mit dem Erinnern war bei ihm allerdings so eine Sache: der Autor war zu dieser Zeit bereits umnachtet. Und als Händel vor seiner Abreise aus Dublin für einen Abschiedsbesuch bei Swift vorbeischaut, sieht die Sache ganz anders aus. Er soll seinem Diener zugerufen haben: „Oh, ein Deutscher, und ein Genie! Ein Wunder! Laß ihn herein.“

Ablehnung und überschwängliche Verehrung. Die Reaktionen von Händels Zeitgenossen pendeln exakt zwischen diesen beiden Polen und es ist ein besonderes Kuriosum, dass sie sich bei Swift in ein und derselben Person zeigen. Als Händel den Messiah komponiert – übrigens in einer selbst für ihn schnellen Zeit von nur 24 Tagen – hat er den Zenit seiner Londoner Opernerfolge bereits überschritten und sucht nach neuen Ausdrucksformen. Seine Wahl fällt auf das Oratorium. Wie Israel in Egypt bestehtMessiah ausschließlich aus Bibeltexten, die hauptsächlich den Psalmen und den Büchern der Propheten des Alten Testaments entnommen wurden. Dabei beschreibt das Werk in seinen drei Teilen keine Passion, sondern die christliche Heilsgeschichte über Leben und Sterben bis zur Wiederkehr Christi am Jüngsten Tag. Die Textauswahl und ihre Vertonung gerieten allerdings so frei und ungezwungen, dass das heute populärste Beispiel geistlicher Musik von Kirchenkreisen anfangs empört zurückgewiesen und als blasphemisch beschimpft wurde.

Auch Teile des Adels, die zuvor schon den Opern-Händel bekämpft hatten, machten jetzt Front gegen den Oratorien-Händel. Der aber wusste sich zu helfen. Er ließ das Werk immer häufiger zu gemeinnützigen Zwecken aufführen, beschloß ab 1750 jede seiner zu Ostern  stattfindenden Oratorien-Wochen in London mit einer Aufführung des Messiah und ließ die Erlöse dem Foundling Hospital zukommen. Langsam bürgerte sich das Oratorium ein, nicht zuletzt dank Händels farbenprächtiger Musik, den empfindsamen Arien und effektvoll rauschenden Chören, von denen der Hallejua-Chor bis in unsere Zeit die Bekanntheit eines Schlagers besitzt. Warum er gerade bei diesem Stück so besonders inspiriert war, kann Händel nicht sagen: „Ob ich im Leibe gewesen bin oder außer dem Leibe, ich weiß es nicht, Gott weiß es.“ Aber er schaffte es, noch zu Lebzeiten als „Komponist des Messiah“ in die Geschichte einzugehen.

Die Aufführung dieses Oratoriums lässt dem Dirigenten überraschend viele Freiheiten. Denn Händel selbst variierte die Orchesterbesetzung sowie die Zahl der Interpreten von Konzert zu Konzert und passte sie den örtlichen Gegebenheiten an. Es gibt daher keine einzige, endgültige Fassung. An der Dubliner Uraufführung etwa waren viel weniger Bläsergruppen beteiligt, als bei einer Aufführung für das Foundling Hospital im Jahre 1754. Und befragt, wie man Händel aufführen solle - puristisch knapp besetzt oder üppig luxuriös - antwortete der Händel-Kenner und Dirigent Sir Thomas Beecham: „Wir wissen, daß er ganz wie Mozart in Demonstrationen einer großen Klangfülle schwelgte - so weit, daß er sich einmal sogar die Unterstützung einer Kanone wünschte."

So präsentiert sich der Messiah heute als eine Art musikalisches Chamäleon, dass zwar über 250 Jahre alt, aber dabei noch immer höchst lebendig ist und bei jeder Aufführung neu und anders klingen kann.

Andreas Meyer