Werkinfo: Gustav Mahler, Das klagende Lied

"Mein Bedürfnis, mich musikalisch-symphonisch auszusprechen, beginnt erst da, wo die dunkeln Empfindungen walten, an der Pforte, die in die andere Welt hineinführt", befand Gustav Mahler (1860-1911). Mit dem Klagenden Lied befindet sich der Komponist noch auf der Türschwelle zu dieser "anderen" Welt. Der Komponist bezeichnete das Märchen für Soli, Chor und Orchester als das "erste meiner Werke, in dem ich mich als Mahler fand". Tatsächlich finden sich in der Kantate viele Charaktereigenschaften, die später das Wesen seiner Musik ausmachen. Das Changieren zwischen Dur und Moll, Naturlautmalerei, strahlende Fanfaren, weit ausladende Melodien und ein eigensinnig melancholischer Grundton.

Das klagende Lied basiert auf einer Volkssage, die Mahler in einer Sagen- und Legendensammlung fand. Den Text schrieb der Komponist selbst und reicherte die Erzählung mit Motiven aus dem Grimm-Märchen Der singende Knochen an. Das Werk besteht aus drei Teilen. Teil 1, "Waldmärchen", erzählt von zwei Brüdern, die eine besondere Blume suchen, um die Königin heiraten zu können. Der jüngere wird vom älteren im Wald erschlagen. Im zweiten Teil, "Der Spielmann", findet ein fahrender Musiker einen Knochen des Ermordeten und schnitzt sich daraus eine Flöte, die jedoch, wenn man auf ihr spielt, von dem Mord berichtet. Teil 3, "Hochzeitsstück", führt auf das Schloß der Königin. Der Spielmann erscheint auf dem Hochzeitsfest, der Bräutigam ergreift die Flöte und hört von seiner Tat. Das Schloß stürzt zusammen.

Beim Klagenden Lied haben Chor und Soli gleichermaßen Anteil am erzählerischen Fortgang des Geschehens und sind fast pausenlos in den Fluss der Musik gebettet. 1880 hatte Mahler die erste Arbeit am Klagenden Lied abgeschlossen. "Mein Märchenspiel ist endlich vollendet; ein wahres Schmerzenskind, an dem ich schon über ein Jahr arbeite. Dafür ist es aber was Rechtes geworden", schrieb er. Überzeugt war er nicht, denn er arbeitete das Werk mehrfach um. Erst 1935, 24 Jahre nach Mahlers Tod, wurde es in seiner ganzen, dreiteiligen Form im Wiener Rundfunk gespielt.

Andreas Meyer