Werkinfo: Gustav Mahler, Sinfonie Nr. 2 "Auferstehung"

Schon lange spielte Gustav Mahler (1860-1911) mit dem Gedanken, seine Sinfonie Nr. 2mit einem Chor zu beenden. Nur die Furcht, man könne ihn mit Blick auf Ludwig van Beethovens Sinfonie Nr. 9 der Nachahmung bezichtigen, hielt ihn zunächst davon ab. Doch dann wohnte er der Trauerfeier für den Dirigenten Hans von Bülow in der Hamburger Michaelis-Kirche bei. Mahler schildert dem Berliner Kritiker Arthur Seidl später dieses Erlebnis: „Die Stimmung in der ich dasaß und des Heimgegangenen gedachte, war so recht im Geiste des Werkes, das ich damals mit mir herumtrug. – Da intonierte der Chor von der Orgel den Klopstock-Choral ‚Aufersteh’n!’ – Wie ein Blitz traf mich dies, und alles stand ganz klar und deutlich vor meiner Seele! Auf diesen Blitz wartet der Schaffende, die ist ‚die heilige Empfängnis’! Was ich damals erlebte, hatte ich nun in Tönen zu schaffen.“

Das nahm in diesem Fall ausgesprochen viel Zeit in Anspruch. Mahler, der als Dirigent nur in den Sommermonaten Zeit zum Komponieren fand, schrieb ganze sechs Jahre an seiner Sinfonie. Eine Aufführung der ersten drei Sätze fand unter der Leitung von Richard Strauss am 4. März 1895 in Berlin statt. Die Uraufführung des vollständigen Werkes dirigierte Mahler selbst am 13. Dezember des gleichen Jahres. Es war Mahlers erster großer Publikumserfolg. In den Berichten ist von weindenden Männern die Rede, von wildfremden Menschen, die sich in die Arme fielen. Mahler jedenfalls spürt an diesem Tag erstmals, dass seine Musik die Menschen erreicht. 1907 schreibt der Komponist Alban Berg an seine spätere Frau Helene Nahowski: „Es geschah im Finale der Mahler-Symphonie, als ich so nach und nach das Gefühl der Weltentrücktheit empfand - - als gäbe es auf der ganzen Welt nichts mehr als diese Musik und mich, der sie genoß!

Der Aufbau der Sinfonie

Gustav Mahler sprengt mit dieser zweiten Sinfonie die Ausmaße, die eine klassische Sinfonie bisher gekannt hatte. Für die fünf Sätze dieses riesigen Werks entwicktle Mahler ein Programm, auf das er in seinen Briefen mehrfach zu sprechen kommt. Der erste Satz, den Mahler selbst mit „Totenfeier“ übertitelte, ist als überdimensionaler Trauermarsch gestaltet: Der Held, wie ihn Mahler am Ende seiner ersten Sinfonie strahlend verklärte, wird hier zu Grabe getragen. Der zweite Satz, ein idyllischer Ländler, sowie der dritte Satz, ein spukhaftes Scherzo, das Mahlers eigenes Lied Des Antonius von Padua Fischpredigt zitiert, sind kleine Intermezzi, die verschwommene Erinnerungen an das Leben des Verstorbenen wachrufen. „Die Welt und das Leben“, kommentierte Mahler, wird „zu wirrem Spuk“ – wie der Anblick entfernter Paare, die man zwar tanzen sähe, aber die dazugehörige Musik nicht hören könne. Mit dem vierten Satz, „Urlicht“, verändert sich die Perspektive: Dem irdisch schweren und wirren Dasein, wird ein transzendentes, göttliches Gegenbild zur Seite gestellt, und genau in diesem Moment ergänzt Mahler den Orchesterklang um die menschliche Stimme. Im Altsolo „O Röschen rot“ auf einen Liedtext aus der Sammlung Des Knaben Wunderhorn sieht Mahler die „rührende Stimme naiven Glaubens“.

Gefolgt wird sie im fünften und letzten Satz von einer üppigen Schilderung des Jüngsten Gerichts, die ein Welttheater von barockem Ausmaß beschreibt. Gustav Mahler: „Die Erde bebt, die Gräber springen auf, die Toten erheben sich und schreiten in endlosem Zug daher. Die Großen und Kleinen dieser Erde – die Könige und die Bettler, die Gerechten und die Gottlosen – alle wollen dahin – der Ruf nach Erbarmen und Gnade tönt schrecklich an unser Ohr.“ Nach dem „Großen Appell“ macht sich gespenstische Stille breit. Nur ein Vogel, den Mahler wahlweise „Totenvogel“ oder „Nachtigall“ nennt, singt in der Ferne. Da erhebt sich in feinstem Pianissimo einer der effektvollsten Chorsätze der Konzertliteratur: „Aufersteh’n, ja aufersteh’n wirst Du“. Es ist der Klopstock-Choral, den Mahler bei der Trauerfeier für Hans von Bülow erstmals hörte. Bezeichnend ist allerdings, dass er ihn nicht wortwörtlich übernahm, sondern ihn um eigene Verse erweiterte, die die Seele vom Dieseits in die Ewigkeit des Jenseits eingehen lassen: „Mit Flügeln, die ich mir errungen werde ich entschweben! Sterben wird’ ich, um zu leben!“ Mit der hymnischen Beschwörung „Zu Gott wird es dich tragen“ klingt das Werk rauschhaft aus.

Leonard Bernstein über Gustav Mahler

In seiner Fernsehsendung Der Tamboursg’sell versucht der Komponist und Dirigent Leonard Bernstein zu erklären, was diese beharrliche Auseinandersetzung mit Tod und Auferstehung, die sich durch Mahlers gesamtes Werk zieht,  mit dem Charakter des Komponisten zu tun hat: „Eben das, dass es schwer ist, Jude zu sein; wie wir sagen: ’s ist schwer zu sein a Jid’. Judaismus ist die schwierigste aller Religionen, weil es in ihr keine posthumen Belohnungen gibt – nur irdische - , keine Verheißungen für das Jenseits, kein garantiertes Himmelreich – nur der Glaube, dass Gott dich liebt, wenn du seine Werke vollbringst. Judaismus ist nicht vornehmlich eine Tröstung; er ist ein ethisches System mit nicht nur zehn, sondern hunderten von Geboten, wie der Mensch mit dem Menschen leben soll. Deshalb lag für Mahler die große Anziehungskraft des Christentums in der Vorstellung von der Wiederauferstehung der Seele – in der Verheißung des Lebens im Jenseits. (...) Manchmal fand dieses christliche Sehnen seinen Ausdruck in Massenchören und einem riesigen orchestralen Aufwand, ein andermal erschien es buchstäblich in kindlicher Form wie im Gesang des Kinderchores in der Dritten Symphonie oder wieder in der Achten – ganz zu schweigen von den zwei unschuldsvollen Liedern ‚Urlicht’ (in der Zweiten Sinfonie) und ‚Das himmlische Leben’ (in der Vierten).“

Mahler selbst war später noch von der Kraft und Größe seines Werkes überzeugt. Im Jahr 1900 schreibt er seiner Freundin Nathalie Bauer-Lechner: „Solche Tiefen und solche Höhen werde ich kaum je mehr betreten – wie Odysseus nur einmal auf seiner Lebensfahrt in den Tartaros hinabsteigen konnte. Werke wie solche, die Allergrößtes zum Gegenstande haben, schafft einer im Leben nur eines oder zwei.“ Sehr prophetisch. Denn die Komposition seiner Achten Sinfonie, der „Sinfonie der Tausend“, stand schließlich noch aus.

Andreas Meyer