Werkinfo: Gustav Mahler, Sinfonie Nr. 8

„Mein ganzes Leben ist ein großes Heimweh“, sagte Gustav Mahler (1860-1911) über sich selbst. Vielleicht erklärt diese Feststellung, warum sich durch Mahlers Musik so viel Drängendes, Zerrissenes und Sehnsuchtsvolles zieht. Auf der Schwelle von der Romantik zur Moderne stellt sich Gustav Mahler in all seinen Werken eine zentrale Frage: die nach dem Sinn des Lebens. In seiner Achten Sinfonie ist ihm eine besonders hymnische und - nach Mahlers eigener Auffassung - besonders geglückte Antwort darauf gelungen. „Ich habe eben meine 8. vollendet. Es ist das Größte, was ich bis jetzt gemacht“, schreibt er ungewöhnlich euphorisch 1906 an Willem Mengelberg. Und als vier Jahre später im Juni 1910 endlich die Proben zur Uraufführung begonnen haben, schickt er an seine Frau Alma ausgesprochen selbstzufriedene Zeilen: „So was hat die Welt bisher noch nicht erlebt, und diese Urzellen da vor Milliarden von Jahren sind ganz schön eingerichtet gewesen, das sie so was in ihrem Zukunftsrepertoire gehabt haben.“ Der Dirigent Bruno Walter wird es in seiner Mahler-Biographie so formulieren: „Kein Werk Mahlers ist so vom Geist feurigen Jasagens erfüllt wie dieses.“

Tatsächlich fällt die Achte Sinfonie in vieler Hinsicht aus dem Rahmen des bisherigen Mahlerschen Schaffens. Außergewöhnlich ist sicherlich ihre zweisätzige Struktur sowie der fortwährende Einsatz von Solisten und gleich zwei Chören plus Kinderchor, der eher an eine Kantate denn an eine Sinfonie denken lässt. Am ungewöhnlichsten jedoch mutet die Gegenüberstellung der Texte an, die Mahler für seine Sinfonie auswählte: Im ersten Satz setzt er den alten Pfingsthymnus „Veni, Creator spiritus“ in Musik, der dem Mainzer Erzbischof Hrabanus Maurus (etwa 780 - 856) zugeschrieben wird. Im zweiten vertont Mahler fast die komplette Schlussszene aus Goethes „Faust II“, in der Faust stirbt und auch durch die Fürbitten Gretchens erlöst wird. 

So wie sich die zwei überdimensionalen Sätze mit ihrem unterschiedlichen Äußeren, aber dem selben musikalischen Kernmaterial zunächst als zweieiige Zwillinge präsentieren, geben auch die beiden zeitlich rund tausend Jahre voneinander entfernten Texte ihr verbindendes Element erst auf den zweiten Blick preis. Während sich der Pfingsthymnus als Hymnus auf die von Gott gegebene schöpferische und liebende Kraft des Menschen lesen lässt, beschwört die Schlussszene aus „Faust II“ die erlösende, himmlische Macht der Liebe. Verbunden werden die beiden Texte durch die Pfingsthymnus-Sequenz „Accende lumen sensibus / Infunde amorem cordibus“ („Entzünde Licht den Sinnen, versenke in die Herzen Liebe“), die übrigens Goethe selbst frei ins Deutsche übertrug: „Den Sinnen zünde Lichter an, den Herzen frohe Mutigkeit.“ Mahler, der sich sonst dagegen verwahrte, seiner Sinfonie eine genaue Beschreibung beizufügen, wies bei der Generalprobe auf die Bedeutung genau dieser Stelle hin: „Da geht die Brücke hinüber zum Schluss des ‚Faust’. Diese Stelle ist der Angelpunkt des ganzen Werkes.“ Kein Wunder, dass sich Mahler für diesen Moment kompositorisch etwas Besonders einfallen ließ: Er fordert zwischen den Silben Ac- und -cende eine „entschiedene Luftpause“, um den Zündungs-Gedanken wie das Aufleuchten einer Stichflamme besonders plastisch zu gestalten. 

Ihre Spiegelung findet diese Sequenz im ersten Engelchor des zweiten Satzes, in dem es heißt: „Wer immer strebend sich bemüht, den können wir erlösen; und hat an ihm die Liebe gar von oben teilgenommen, begegnet ihm die sel’ge Schar mit herzlichem Willkommen!“ In Richtungen ausgedrückt: Bewegt sich der erste Satz vom Himmel auf die Erde, indem der Heilige Geist über die Menschen kommt, geht es im zweiten von der Erde wieder stufenweise in den Himmel zurück, verlässt die unsterbliche Seele den Körper und geht ein in die Ewigkeit.

Auch wenn der Philosoph Theodor W. Adorno die Achte Sinfonie zwischenzeitig höchst doppeldeutig als „symbolische Riesenschwarte“ bezeichnete: Das Werk war von Anfang an ein Erfolg. Der allerdings beruht in erster Linie auf dem berauschenden Effekt der Klangmassen, die schon bei der Uraufführung den Dirigenten Leopold Stokowski so überwältigten wie der „Anblick der Niagarafälle für den ersten Weißen gewesen sein muss“. Überhaupt geriet die Uraufführung am 12. September 1910 mit über tausend Beteiligten (850 Choristen, 171 Musiker) zum einem Triumph für Mahler. Unter den Gästen befanden sich unter anderen auch der Regisseur und Theaterleiter Max Reinhardt, die Schriftsteller Stefan Zweig und Thomas Mann sowie die Komponisten Richard Strauss, Arnold Schönberg und Alban Berg. Bruno Walter erinnert sich: „Als der letzte Ton der Aufführung verklungen war und der Sturm der Begeisterung zu ihm drang, stieg Mahler die Stufen des Podiums empor, auf dessen Höhe der Chor der Kinder postiert war, die ihm entgegenjauchzten, und drückten alle ihm hingestreckten Hände (...). In der Aufführung selbst schien er auf der Höhe seiner Macht; die Seelenerhebung gab dem müden Herzen noch einmal die alte Kraft zurück; aber es war die letzte Aufführung einer eigenen Schöpfung gewesen, die er geleitet hatte, die beiden folgenden Werke hat er nicht mehr erklingen hören.“ 

Bereits am 18. Mai 1911, kurz nachdem er es mit letzter Kraft von New York zurück nach Wien geschafft hatte, starb Gustav Mahler. Und wie es sich für den „letzten Romantiker“ gehört, verschied er zur romantischsten und symbolträchtigsten aller Stunden: kurz vor Mitternacht. Auf seinem Grabstein steht nur sein Name, denn er meinte: „Die mich suchen, wissen, wer ich war, und die anderen brauchen es nicht zu wissen.“

Andreas Meyer