Werkinfo: Felix Mendelssohn Bartholdy, Elias

Auf der einen Seite: die trockenen Fakten. Elias. Komponist: Felix Mendelssohn Bartholdy (1809-1847). Entstanden 1844-46, überarbeitet 1847. Oratorium in 2 Teilen nach dem Alten Testament, genauer gesagt dem 1. und 2. Buch der Könige. Ouvertüre, 42 Nummern für fünf Solisten und großen, doppelchörigen Chor und Orchester. Dauer: ca. 110 Minuten. Uraufgeführt am 26. August 1846 in Birmingham.

Auf der anderen Seite: dieses schier überwältigende Werk. Wie hat er das bloß gemacht, dieser Mendelssohn? Mit einem Rezitativ fängt es an. Ungewöhnlich! „So wahr der Herr, der Gott Israels, lebet, vor dem ich stehe: Es soll diese Jahre weder Tau noch Regen kommen, ich sage es denn”, ruft Elias und dann fegt die Ouvertüre los. Unheimlich ist er, dieser Prophet, eindeutig kein jovialer, gemütlicher Mann mit Rauschebart. Er hat Kanten, gibt sich kämpferisch, sogar höhnisch und muss dafür um sein Leben fürchten. Es ist, als packe er einen mit diesem Rezitativ fest am Schlafittchen, um klarzumachen: Du! Hörst! Mir! Jetzt! Zu! Bis zum „Amen” des Schluss-Chores wird er dich nicht mehr loslassen. 

Eigentlich weist beinahe jede Oper, jedes Oratorium eine mehr oder minder ausgeprägte Hängepartie auf. Mendelssohns Elias nicht. Der Spannungsbogen reißt einfach nicht ab. Wir hören von hungernden Menschen, von himmlischen Raben, von der lebenserweckenden Kraft des Gebets. Wir stehen auf dem Berg Karmel, werden Zeugen des Feuer- und Regenwunders, hören wie Elias vor dem aufgehetzten Volk in die Wüste flieht und schließlich in einem Feuerwagen gen Himmel fährt. Eine alte Geschichte. Kaum mehr zu glauben. Wer kennt sie noch? Dennoch trifft sie einen wie der Blitz – und das liegt an Mendelssohn, seiner packenden szenischen und musikalischen Dramatik, den mitreißenden Chören, hinreißenden Arien. Welcher der Mendelssohnschen Einfälle ist der hinreißendste? Wie der Chor nach einem verzweifelten „Er wird uns verfolgen, bis er uns tötet“ auf die Worte „Und tue Barmherzigkeit“ plötzlich in einem ergreifenden C-Dur emporfliegt? Die Wucht der Wasserströme und des chorischen Danks am Ende der Dürre? Der im Gegensatz dazu überraschend schlichte Choral „Wer bis an das Ende beharrt“? Oder ist das liedhafte Solo des Engels „Sei stille dem Herrn?“ Oder gar die herzzerreißende, resignierende Elias-Arie „Es ist genug“ mit ihrem begleitenden Solo-Cello? Egal, wohin man in diesem Oratorium schaut: Die kompositorische Raffinesse funkelt und blitzt in jeder Nummer auf und führt uns, ob gläubig oder nicht, zu Hass, Furcht, Zweifel, Verwirrung, Zuversicht, Trost – kurz: zu gerade jenen Gefühlen, die das moderne Leben wieder mehr denn je prägen.

Zum Schluß die Gebrauchsanweisung für Zuhörer: Einfach zwei Stunden lang eine Auszeit nehmen, den Alltag vor der Tür lassen, die Augen schließen, sich fallen und davontragen lassen von einer unfassbar reichen Musik, die auch 170 Jahre nach ihrer Entstehung so unmittelbar zum Herzen spricht wie kaum eine andere. Hoffnung tanken.

P.S.: Für Chorsänger gilt übrigens fast Ähnliches. Nur sollten sie NICHT (!) die Augen schließen. Sonst trifft sie – wenig prophetisch – der Blitz geradewegs vom Dirigentenpult.

Andreas Meyer