Werkinfo: Wolfgang Amadeus Mozart, Messe c-Moll KV 427 (417a)

Endlich in Wien! Wir schreiben das Jahr 1781 und Wolfgang Amadeus Mozart (1756-1791) hat sich in der Hauptstadt des habsburgischen Kaiserreichs niedergelassen. Vergessen ist das enge Salzburg, die Streitereien mit dem Fürsterzbischof Hieronymus Graf Colloredo, bei dem Mozart erst als Konzertmeister, dann als Hoforganist angestellt war. In dessen Dienst er Messen zu schreiben hatte, die eine Dauer von 45 Minuten nicht überschreiten durften. Vergessen auch der berühmte Fußtritt, mit dem Graf von Arco, der Kämmerer des Erzbischofs, Mozart schließlich vor die Tür setzte und das Dienstverhältnis beendete. 

In Wien hat er mit der Kirche nichts zu tun. Mozart stürzt sich in die Arbeit und ins Getümmel. Er gibt Klavierstunden, schreibt Die Entführung aus dem Serail, Serenaden, Quintette, Klavierkonzerte, die Haffner-Sinfonie, studiert die Fugen Bachs. Er geht aus, spielt Billard, lernt Gottfried Baron van Swieten kennen und über ihn die Oratorien Händels, von denen er einige im Auftrag des Barons neu orchestriert. Und mitten in diesem quirligen Hauptstadtleben, fernab von den früheren dienstlichen Zwängen Salzburgs geschieht es. Mozart fängt an, sein größtes und beeindruckendstes Kirchenmusikwerk zu komponieren: die Messe c-Moll KV 417 (417a). Ohne jeden Auftrag, ganz aus freien Stücken.

Es gibt unterschiedliche Ansichten, was Mozart bewogen haben könnte, diese Messe niederzuschreiben. Die eine führt ein Versprechen an, das Mozart an seine Frau Constanze und einen Besuch bei seinem Vater und seiner Schwester in Salzburg gebunden haben soll. Als Argument für diese Theorie dient ein Brief, den Mozart an seinen Vater schrieb: „Zum beweis aber der wirklichkeit meines versprechens kann die spart von der hälfe einer Messe dienen, welche noch in der besten hoffnung da liegt.“ Die andere Theorie nährt Constanze Mozart selbst, die angab, die Messe sei die „Erfüllung eines Gelübdes anlässlich ihrer glücklichen ersten Niederkunft, die ihn mit großen Sorgen erfüllt hatte“. Welche Version auch stimmen mag: Einigermaßen fest steht, dass Mozart seine Messe für Constanze schrieb und es ist sicherlich das außergewöhnlichste Musikstück, das ein Komponist je einem geliebten Menschen schenkte. 

Tatsächlich reist Mozart mit seiner Familie und Teilen der neuen Messe 1783 nach Salzburg. Ausgefüttert mit Teilen anderer Messen wird sie am 26.8. in der Peterskirche uraufgeführt, mit Constanze Mozart als Solistin. Privat geriet der Besuch zum Misserfolg. Vater und Schwester mochten sich nicht mit Constanze anfreunden. Mozart kehrt enttäuscht nach Wien zurück, die Messe blieb unvollendet. Und da auch in Wien kein Bedarf an ausladenden Messen bestand, griff Mozart kurzerhand zur wirtschaftlichen Zweitverwertung – und benutzte die Musik später für die ungelenke Kantate Davidde penitente.

Zwar handelt es sich bei der Messe c-Moll nicht um ein lithurgisch komplettes Werk - von Mozart stammen das Kyrie, das Gloria sowie Teile des CredoSanctus und Benedictus; die Sätze Agnus Dei und Dona nobis pacem fehlen völlig. Dennoch stellt der Mozart-Biograph Alfred Einstein die Messe c-Moll mit Recht in eine musikgeschichtliche Linie zwischen die Messe h-Moll von Bach und Beethovens Missa solemnis. Nicht nur die Größe und Ausgestaltung der überlieferten Sätze erstaunen. Es ist gerade Mozarts sehr persönlicher Blick auf die erfahrbare Welt und das Metaphysische, der das Werk mit seinem Stil- und Stimmungsreichtum zu einem überwältigenden Ganzen macht. Das ernste, feierliche c-Moll-Kyrie steht einem unverhohlen zuversichtlichen, fröhlich daher tanzenden Osanna in C-Dur gegenüber. Und das mystisch-strenge, in einem achtstimmigen Doppelchor geführte Qui tollis findet seine irdische Spiegelung in der innigen Zärtlichkeit, in der der Solo-Sopran im „Et incarnatus“ die Menschwerdung besingt. Mit der gleichen pastoralen Hingabe, ebenfalls in F-Dur und begleitet von den gleichen Solobläsern (Flöte, Oboe und Fagott), wird übrigens drei Jahre später Susanna in Le nozze di Figaro nächtens im Schlosspark in ihrer Rosenarie von der Liebe singen.

Inzwischen gibt es zahlreiche Versuche, aus dem musikalischen Torso eine komplette Messe zu machen. Aber warum? Niemand käme auf die Idee, einem antiken Torso die fehlenden Glieder anzubasteln, damit er vollständiger aussieht. Mozarts Komposition bewegt so, wie sie ist. Und vielleicht sind es gerade die Brüche und Widersprüche, das fragend Ungewisse auf der einen und das sinnlich Dieseitige auf der anderen Seite, die uns Mozart hier so unverstellt und überraschend lebensnah erscheinen lassen.

Andreas Meyer