Werkinfo: Carl Orff, Carmina Burana

Es mutet seltsam an und ist doch typisch für die bizarr mäandernden Kunstströmungen der 20er und 30er Jahre des 20. Jahrhunderts: Zwei zentrale Musikwerke dieser Epoche werden zur selben Zeit aus der Taufe gehoben - und fallen dabei in ihrer Art doch so unterschiedlich aus. Während am 2.6.1937 in Zürich Alban Bergs Oper Lulu zur Uraufführung kommt, gelingt sechs Tage später, am 8.6.1937, Carl Orff (1895-1982) in Frankfurt mit der ersten Aufführung seiner Carmina Burana der durchschlagende Erfolg. Filigrane, komplexe Zwölftonmusik auf der einen Seite, auf der anderen orgiastische, eingängige Klangwucht.

„Mein Jugenderlebnis in den Anfängen dieses Jahrhunderts war die neue Kunst, die bildende Kunst, der ‚Blaue Reiter’ und was alles damit zusammenhängt“, erinnerte sich Carl Orff. Und weiter: „Dieser Einbruch des Elementaren in die Kunst hat mich zutiefst bewegt und in mir so einen neuralgischen Punkt getroffen. Das war es, was ich wollte. Nicht die Überspitzung, nicht die Verfeinerung, nicht die Verästelung ins Weitgehende (...) sondern das Zurückgehen auf das Elementare, auf das Ursprüngliche.“ Das gelang Orff mit Carmina Burana zweifellos. Seine Musik klingt so archaisch, dass ein chinesischer Hörer festgestellt haben soll: „Wundervoll! Genau wie in Peking vor fünftausend Jahren!“

Carmina Burana, oder „Lieder aus Benediktbeuren“, ist der Titel einer Sammlung von Lied- und Dramentexten, die im 11. und 12. Jahrhundert entstanden und etwa 1230 niedergeschrieben wurden. Orff entdeckte die Sammlung 1935 in einem Würzburger Antiquariatskatalog und vertonte zwischen 1935 und 1936 insgesamt 24 dieser Texte. Eingerahmt vom berühmten „Fortuna“-Chor gliedert sich die Kantate für Solisten, Kinder- und gemischten Chor in drei Teile. „Primo Vere“ beschreibt das Erwachen der Natur und der Liebessehnsucht im Frühling. „In Taberna“ führt in ein Gasthaus, in dem handfest derb dem Lebensgenuss und dem Gott Bacchus gehuldigt wird. „Cours d’amours“ wiederum schildert variantenreich das Liebesspiel und gipfelt nach einem innig lyrischen Sopransolo in einem Lobpreis der Liebesgöttin Venus.

Der Rhythmus bildet den markantesten Wesenszug dieser Musik. Die Chöre und Solo-Passagen kennzeichnet ein volksliedhafter Ton, der - gekoppelt mit dem pulsierenden Rhythmus des Orchesters und der sinnenfreudigen Lebenslust der Texte - eine elektrisierende, körperlich unmittelbar erfahrbare Sogwirkung entfaltet. Orff war sich des Erfolges und der Kraft seiner "weltlichen Gesänge" durchaus bewusst. „Alles, was ich bisher geschrieben und was Sie leider gedruckt haben, können Sie nun einstampfen!“, schrieb er an seinen Verleger. „Mit den Carmina Burana beginnen meine gesammelten Werke!“

Andreas Meyer