Werkinfo: Noam Sheriff, A Sephardic Passion

In der Sephardic Passion, uraufgeführt 1992 im spanischen Toledo unter Zubin Metha, wirft der 1935 in Tel Aviv geborene Dirigent und Komponist Noam Sheriff einen Blick zurück in die europäische Geschichte. Sepharden werden die jüdischen Einwohner Spaniens und Portugals genannt, die hauptsächlich im Mittelalter verfolgt wurden und ihre Heimat auf der iberischen Halbinsel verlassen mussten. War es 1492 das „Alhambra-Edikt“ von Ferdinand II. und Isabella I., der die Juden vor die Wahl stellte, zum katholischen Glauben zu konvertieren oder ins Exil zu gehen, löste 1531 die Inquisition die zweite große Verfolgungs- und Auswanderungswelle aus. Die Sepharden flohen zum größten Teil in das Osmanische Reich, so dass man mit dem Begriff „Sepharden" im Laufe der Zeit immer stärker Juden aus orientalischen Ländern verband.

Für seine etwa dreißig Minuten lange Passions-Musik für Alt, Tenor, gemischten Chor und Orchester ließ sich Noam Sheriff von der Musik und der Dichtung der Sepharden inspirieren. Mittelalterliche Gebete finden sich in dem in acht Abschnitte unterteilten Werk ebenso wie orientalisch gefärbte Gesangslinien. Zentrale Rollen kommen dabei dem Solo-Tenor und dem Chor zu. Im Tenor begegnet der Zuhörer dem spanischen Juden an sich und begleitet ihn auf seinem Weg des Glaubens, des Leidens unter der Inquisition, des Hoffens und Liebens. Die Rolle des Chores dagegen differiert. Mal kommentiert er das Geschehen wie die Chöre der antiken, griechischen Tragödie, mal betet er mit dem Gläubigen, dann wieder steht er auf der Seite der Inquisition und beteiligt sich aggressiv am Kreuzverhör.

Noam Sheriff betrachtet die Sephardic Passion als Zwilingsstück zu Mechaye Hametim – Revival of the Dead von 1985 für Tenor, Bass-Bariton, Männer- und Knabenchor sowie Orchester. Im Gegensatz zur Sephardic Passion, die um die Not und die Bedrängnis durch die mittelalterliche Inquisition kreist, thematisiert Mechaye Hametim – Revival of the Dead eine weitaus jüngere Katastrophe: den Holocaust im 20. Jahrhundert. ZurSephardic Passion meinte Noam Sheriff: „Ich hoffe, dass das Werk jedem zu Herzen geht, der an den Wert des menschlichen Geistes glaubt.“

Andreas Meyer