Werkinfo: Jean Sibelius, Hymne an die Erde

„Wo andere kompliziertere Getränke brauen, habe ich den Menschen nichts anderes reichen wollen als einen Trunk frischen Wassers“, fasste der finnische Komponist Jean Sibelius (1865-1957) den Sinn seiner Arbeit zusammen. Das gilt natürlich für seine sieben Sinfonien und das Violinkonzert, die alle binnen weniger Jahre aus Sibelius hervorbrachen. Insbesondere aber gilt es für seine sinfonischen Dichtungen und Kantaten, die explizit von der Schönheit seines Heimatlandes singen und Sibelius zum finnischen Nationalkomponisten schlechthin machten. Bereits nach den ersten Erfolgen erhielt er ein Stipendium, das der Staat später in eine lebenslange Rente umwandelte, um den Schöpfer von FinnlandiaDer Schwan von Tuonela oder dem Waldstück Tapiolafinanziell abzusichern. Obgleich bis zu seinem Tod hochverehrt, wehrte sich Sibelius gegen eine allzu schnelle volkstümliche Einordnung: „Es herrscht die irrige Ansicht, dass meine Themen oft Volksmelodien seien. Aber bis jetzt habe ich nie ein Thema verarbeitet, das nicht meine eigene Erfindung gewesen wäre.“

Das als „Kantate“ betitelte Chorstück Maan virsi (Hymne an die Erde) entsteht 1918 in besonders schwieriger Zeit. Finnland versucht, die russische Fremdherrschaft abzuwerfen und verwickelt sich dabei in einen Bürgerkrieg. Russische Truppen und die sie unterstützende, finnische „Rote Grade“ stehen der ebenfalls finnischen „Weißen Garde“ gegenüber. Der Krieg, der Finnland erst 1920 die Selbstständigkeit bringt, greift Sibelius schwer an. Er zieht nach Helsinki und komponiert Werke wie Maan virsi oder Oma ma(Unsere Erde), die der kollabierenden politischen Situation seine musikalischen Beschwörungen der zauberhaften Natur Finnlands entgegensetzen.

Maan virsi, die Vertonung eines Textes des Dichters Eino Leino, beginnt dunkel geheimnisvoll, stellt die Erde als Trägerin von Leben und Tod vor. Erst als der Chor die „Kantele“, traditionelle finnische Zupfinstrumente - die Streicher im Orchester imitieren sie, indem sie pizzicato spielen – zitieren, wird das Stück heller und tänzerischer. Frauen- und Männerstimmen umspielen sich, um „vereinigt im Sang die Täler und Wälder“ zu beschreiben, kommen zu einem stetig anschwellenden Orchesterklang und zu Fanfarenstößen wieder zusammen und finden schließlich im Ruf „Erde, heilige Erde“ eine oratorienhaft anmutende Schlußwendung.

Andreas Meyer