Werkinfo: Arthur Honegger, Le Roi David

Arthur Honegger war ratlos. Der 29jährige Komponist stand erst am Anfang seiner Karriere, hatte einen Kompositionsauftrag für das „Théâtre de Jorat“, ein Freilufttheater in der Nähe von Lausanne, an Land gezogen, doch die gewünschte Besetzung breitete ihm Kopfzerbrechen. Bestellt war eine Bühnenmusik für das biblische Drama „Le Roi David“ von René Morax für 100 Laiensänger, aber – aufgrund des kleinen Orchestergrabens vor Ort – nur für 17 Musiker: 2 Flöten, Oboe, 2 Klarinetten, Horn, Fagott, 2 Trompeten, Posaune, Kontrabass, Klavier, Harmonium, Celesta, Orgel Schlagzeug und Pauke. Arthur Honegger wandte sich an Igor Strawinsky, der ihm pragmatisch riet: „Das ist sehr einfach. Machen Sie es so, als wenn Sie diese Zusammensetzung gewollt hätten, und komponieren Sie für hundert Sänger und 17 Musiker.“ Die Uraufführung fand am 11. Juni 1921 statt und bedeutete für Arthur Honegger den internationalen Durchbruch.

„Le Roi David“ ist eine sinfonische Erzählung für Sprecher, Solo-Sänger, Chor und Orchester. In drei Teilen und gut 75 Minuten beschreibt sie Davids Aufstieg vom Hirtenjungen zum Heerführer (Teil I), Davids Krönung und seinen Tanz vor der Bundeslade, der mythischen, heiligen Truhe des Volkes Israel (Teil II), sowie sein Wirken und Sterben als König (Teil III). Die Erzählung öffnet textlich wie musikalisch ein weites Panorama: Im Text von René Morax stehen Psalmen der Bibel, die teils König David selbst zugeschrieben werden, freien Zeilen gegenüber, die sich weit von der biblischen Vorlage entfernen. Das musikalische Kaleidoskop, das Arthur Honegger zu diesem Text entfaltet, präsentiert sich noch facettenreicher: Es finden sich unüberhörbare Anklänge an Händel und Choralvertonungen von Bach. Für den Schwung der rhythmischen Passagen stand zweifelsfrei Igor Strawinsky Pate. Atonal kantig tönt im dritten Teil ein zorniger Gott, mit einem lyrisch-melodiösen Halleluja wiederum klingt das Stück aus. Darüber hinaus lässt der rasche Wechsel der Szenen und die vielfältigen Klangmalereien schon den Filmkomponisten Honegger erahnen.

„Le Roi David“, der den Aufstieg eines neuen Königs schildert, steht sinnbildlich auch für die aufstrebende Kreativität und die Überschwänglichkeit einer Künstlergeneration, die das kulturelle Leben im Paris der 1920iger Jahre bestimmte. Arthur Honegger zählte zur Gruppe „Les Six“, einem losen Zusammenschluss von Komponisten um den Dichter Jean Cocteau, zu der unter anderem auch Darius Milhaud und Francis Poulenc gehörten. Der erste Weltkrieg hatte in der Kunst- und Musikwelt einen deutlichen Einschnitt markiert. Mit dem alten Vorkriegseuropa schienen auch Tonalitäten und Perspektiven mit samt ihren Lehrmeistern untergegangen. Die Künstler und Musiker der Avantgarde, die Paris zu ihrem geistigen Zentrum auserkoren und zu der auch die Gruppe „Les Six“ gehörte, begannen mit teils ungestümer Radikalität, nach neuen Wegen in der bildenden Kunst und der Musik zu suchen. Es ist gerade die vielschichtige Kühnheit des „Roi David“, die ein klangstarkes Zeugnis über die Aufbruchsstimmung dieser Tage ablegt. Die Selbstverständlichkeit, mit der Honegger all die musikalischen Stil-Elemente, Sprech-, Sing- und Orchesterstimmen zusammen mit einer Prise Orient zu einem schillernden Klangteppich verwebt, macht den wundersamen Reiz und die Originalität des Werkes aus: Es überrascht, unterhält, polarisiert.

Andreas Meyer