Werkinfo: Gioachino Rossini, Petite Messe solenelle

"Geben Sie mir eine Einkaufsliste und ich schreibe die Musik dazu". Gioachino Rossini (1792 - 1868) besaß einen überraschend pragmatischen Zugriff auf sein Metier. Seine Karriere ist eine der erstaunlichsten und erfolgreichsten der Musikgeschichte: Mit 20 schreibt er seine ersten Opern, darunter: La scala di seta, Il signor Bruschino und L'italiana in Algeri. Mit 24 Jahren gelingt ihm mit der komischen Oper Il barbiere di Siviglia ein Welterfolg. Es folgen weitere, unter anderem: La Cenerentola, La gazza ladra, Il viaggio a Reims und Guillaume Tell. Die prallen, handfesten Charaktere - gewitzte Diener, raffinierte Damen, dösige Alte, aufgeblasene Adelige - setzen die europäische Opernwelt zusammen mit Rossinis vibrierenden Rhythmen und effektvollen Crescendi in einen wahren Rausch. Die Konkurrenz reagiert deutlich verschnupft: "Ich habe mich oft gefragt, wie ich es anstellen müsste, um das italienische Theater zu unterminieren und es mit seiner ganzen Rossinianer-Bevölkerung in die Luft zu sprengen", grummelt Hector Berlioz. Dann, ganz ohne Berlioz' Zutun, geschieht das Unbegreifliche: Nach etwa 40 Opern, mit 37 Jahren und auf dem Höhepunkt seines internationalen Erfolgs legt Rossini den Stift nieder - und hört auf zu komponieren. Warum weiß bis heute niemand

Von 1836 bis 1848 leitet er das königliche Musiklyzeum in Bologna. Als in Italien politische Unruhen ausbrechen flieht er über Florenz nach Frankreich. In Passy bei Paris kauft er 1855 schließlich eine Villa, wo er bis zu seinem Tod 1868 bleiben, musikalische Soireen geben, Besucher empfangen und vor allem kochen wird. Zwischen Cannelloni  und „Tournedos à la Rossini“ – Veganer weghören! Mit Bratensaft getränkte Croutons, Rinderfilet, gebratene Gänsestopfleber sowie Perigord-Trüffel zu einem adretten Türmchen stapeln und mit Madeira-Sauce übergießen. entstehen schließlich nur noch wenige Werke, darunter die Petite Messe solennelle, eine eigentlich ausgewachsene Messe mit allen liturgisch vorgesehenen Teilen.

Rossini schreibt die „leider letzte Todsünde meines Alters“ 1863 zur Einweihung der Privatkapelle des Pariser Adeligen Graf Michel-Frédéric Pilet-Will. Aufgrund des privaten Rahmens lässt Rossini Chor und Solisten von zwei Klavieren und einem Harmonium statt von einem Orchester begleiten. Trotz einiger melancholischer, altersweiser Momente blitzen Rossinis typischer Witz, seine charakteristische Rhythmik und Ironie aus fast jedem Satz des knapp 90minütigen Werks hervor. Kurz: Für eine Messe nimmt sich diese Musik erstaunlich heiter, fast frech aus. Die beinahe verschreckt im vierfachen piano forthüpfenden Achtel des „Kyrie“-Beginns könnten ebenso gut einer theatralen Verschwörerszene entnommen sein. Die Fuge des „Cum sanctu spiritu“ kommt wie ein typisches Opernfinale à la Rossini daher, das verspielt Kurve um Kurve dreht und einfach nicht zum Ende kommen will. Und bei den „Amen“-Rufen des Chores zum Ende des Credos glaubt man kurz, der Chor wolle aufsitzen und auf dem Pferd das Weite suchen.

Die Uraufführung der Messe war erfolgreich, doch Rossini veröffentlichte sie, wie alle seine späten Kompositionen, nicht. Erst posthum konnte die Messe gedruckt werden und zwar auch in orchestrierter Version. Kurz vor seinem Tod hatte Rossini, von Freunden gedrängt, den Orchesterpart selbst geschrieben. Ausschlaggebend war für ihn nur ein Argument: Er fürchtete, das Werk könne nach seinem Tod ungeliebten Kollegen in die Hände fallen. Einem Besucher, dem deutschen Komponisten Emil Naumann, erklärt er: „Ich führte nämlich die Partitur dieser bescheidenen Arbeit schon vor einiger Zeit aus; findet man dieselbe nun in meinem Nachlaß, so kommt Herr Sax mit seinen Saxophonen oder Herr Berlioz mit anderen Riesen des modernen Orchesters, wollen damit meine Messe instrumentieren und schlagen mir meine paar Singstimmen tot, wobei sie auch mich glücklich umbringen würden.“

Daß das melodiös Selige, das liebenswürdig Innige, das dreist Verspielte seines Werkes eventuell nicht zur konventionellen Auffassung einer „feierlichen“ Messe passt, wusste Rossini dabei ganz genau. Auf das Manuskript schrieb er: „Lieber Gott – voilà, nun ist diese arme kleine Messe beendet. Ist es wirklich heilige Musik [musique sacrée], die ich gemacht habe oder ist es vermaledeite Musik [sacrée musique]? Ich wurde für die Opera buffa geboren, das weißt Du wohl! Wenig Wissen, ein bisschen Herz, das ist alles. Sei also gepriesen und gewähre mir das Paradies.“

P.S.: Nur zweimal soll Rossini übrigens in seinem Leben geweint haben. Einmal, als er Paganini auf seiner Geige spielen hörte. Und das zweite Mal, als ihm ein mit Trüffeln gefülltes Huhn von einem Boot ins Wasser fiel.

Andreas Meyer